Mein kleines Asyl


Nach meiner Schulzeit hatte ich das Lateinische fast ganz aus den Augen verloren. Vor ein paar Jahren aber, als unsere Kinder (beide übrigens mit großem Vergnügen!) in der Schule Latein lernten, wurde auch bei mir das alte Feuer ganz plötzlich wieder entfacht. Und es stellte sich heraus, daß so viel gar nicht verloren war in den drei Jahrzehnten der Abstinenz: viele Vokabeln natürlich, auch manche Begriffe aus der Grammatik, aber viel erstaunlicher war, wieviel Substanz die Zeit der Dürre überstanden hatte, wieder abrufbar war oder zumindest ohne viel Mühe aufgefrischt werden konnte.

Wir benutzten in der Schule den "kleinen Stowasser", und schon damals hätte ich zu gern einmal einen Blick in den "großen Stowasser" geworfen. Jetzt, nach vielen Jahren, ging ich auf die Suche danach, und ich entdeckte mit Staunen, wieviele lateinische Wörterbücher es in Deutschland gab. Namen tauchten auf, denen ich in meiner Schulzeit nie begegnet war: Georges, Scheller, Heinichen, Ingerslev, Mühlmann, Menge-Güthling - sie alle haben zu ihrer Zeit Generationen von Schülern und Studenten (und natürlich auch ihren Lehrern) beim Erarbeiten lateinischer Texte geholfen, und doch sind viele von ihnen vergessen. Erst recht die Menschen hinter den Namen!

Unversehens wuchs die Zahl der Wörterbücher im Regal, und allmählich begann ich, gezielter nach ihnen zu suchen: auf Flohmärkten, in Antiquariaten, im Internet.

Und so entstand, fast beiläufig, mein kleines Asyl für herrenlose und vernachlässigte Wörterbücher! Wenn ich irgendwo eines sehe, lieblos in einer staubigen Bücherkiste verramscht oder von seinem Herrchen in eine Billigauktion abgeschoben, nehme ich es auf, gebe ihm einen schönen Platz unter seinesgleichen - und die Zuwendung, die ein Wörterbuch vor allem braucht: ich benutze es, ich schlage Wörter darin nach oder schmökere einfach in seinen Seiten. Diese Bücher sind alle nicht mehr taufrisch, manche sind in einem erbärmlichen Zustand - aber hier finden sie ein neues Zuhause, hier werden sie geachtet und geliebt.

So hat sich im Lauf der Zeit auch ein bißchen Fachwissen angesammelt, das ich hiermit gerne und frei an jeden weitergeben möchte, der - wie ich - die lateinische Sprache liebt. Da ich (hoffentlich nicht im schlechten Sinne des Wortes!) ein Dilettant bin, Latein weder studiert noch beruflich ausgeübt habe, wird es auf diesen Seiten sicher Fehler und Lücken genug geben. Ich bin also nicht böse, im Gegenteil, ich freue mich, wenn man mich darüber aufklärt! Wenn sich freilich unter die Korrekturen und Ergänzungen hie und da ein kleines Lob verirrt, so habe ich auch dagegen nichts einzuwenden.

Viel schwerer als erwartet war es übrigens, etwas über das Leben der Gelehrten zu erfahren, selbst wo ihre Namen uns geläufig sind. Auch die verdienstvolle Allgemeine Deutschen Biographie, der die meisten wörtlichen Zitate entnommen sind, führt nicht immer zum Ziel. So klaffen trotz vieler fleißiger Arbeitstage in der Stadt- und Universitätsbibliothek in Frankfurt am Main noch immer größere Lücken. Manchmal war nicht einmal Geburts- und Todesjahr zu ermitteln. Hier kann ich nur freundlich um Mithilfe bitten - ich bin sicher, daß die Lücken dann bald geschlossen werden können.

Ganz zum Schluß noch ein Dankeschön an jene Lehrerin, die mir von 1962 an diese schöne Sprache beigebracht hat (sie war damals schon in vorgerücktem Alter und lebt sicher nicht mehr): Fräulein Hahn (oder "Gallina", wie einige von uns sie respektlos genannt haben). Sie gehörte noch zu jener Generation von Lehrern, die im Unterricht wenig diskutierten und schon gar nicht abstimmen ließen. Dafür hat sie (wie ihre Kollegen) ein geistiges Fundament gelegt, das mühelos die Jahrzehnte überdauert. Sie war übrigens immer grün gekleidet, nie haben wir eine andere Farbe an ihr gesehen. Ihr Wohlwollen mußte man erst gewinnen - durch Fleiß und Leistung, dann aber war sie liebenswürdig und freundlich, und es war eine Lust, bei ihr zu lernen.

Tibi, cara magistra, ex corde gratias ago. Si vivis, quam bene valeas. Si mortua es, requiescas in pace!


Apropos Hahn:

Dieses schöne kleine Motto (Bild rechts) habe ich auf dem Titelblatt des Dictionnaire francais-latin von Jean Elie Decahors entdeckt. 


Commentarios vestros seu amabiles seu criticos valde amabo. Mittite, quaeso, epistulam electronicam.